Das Modell der kommunalen Bildungsberatung Dessau-Roßlau

H. Gerhard | Bildungsberatung als soziale Infrastruktur

Der Entwurf eines Modells der kommunalen Bildungsberatung basiert einerseits auf dem State of the Art der Bildungsberatung und andererseits auf den Besonderheiten der kommunalen Ausrichtung. Insofern möchte ich den Einstieg über bestehende Modelle der Bildungsberatung wählen.

Ich beschränke die Auswahl hier auf die vier Modelle, die in der Beratungspraxis und im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs die größte Aufmerksamkeit haben.

Die Systematisierung von Gieseke

Betrachtet man die Systematisierungsversuche von wissenschaftlicher Seite, so ist die Systematisierung von Gieseke[1] von zentraler Bedeutung. Mit Blick auf den Beratungsprozess unterscheidet sie dabei drei Typen von Beratung:

Informative, situative und biografieorientierte Beratung

Typ I: Informative Beratung

„Bei der informativen Beratung geht es aus der Sicht der BeraterInnen um die Bereitstellung von Informationen für die Ratsuchenden, damit diese aus der Perspektive ihrer Interessen und Bedingungen zwischen alternativen Weiterbildungsmöglichkeiten wählen und entscheiden können. Risiken bei diesem Typ von Beratung entstehen nur dann, wenn die Daten der Weiterbildungsdatenbank unvollständig sind und wenn die Ratsuchenden nicht mit den Rahmenbedingungen des Weiterbildungsangebotes übereinstimmen“ (Gieseke, Opelt 2004, S. 37).

Typ II: Situative Beratung

„Bei der situativen Beratung gilt, dass die Beschreibung der Situation von den Ratsuchenden Ausgangspunkt der Beratung ist. Die Situation ist mit einem Bedürfnis nach Weiterbildung verbunden, wobei aber der Weiterbildungswunsch noch diffus ist“ (ebda, S. 41).

Typ III: Biographieorientierte Beratung

„Biographieorientierte Beratung konzentriert sich darauf, Widersprüche aufzuklären, nach verschütteten Weiterbildungsinteressen, häufig auch Berufsinteressen auf die Suche zu gehen und darüber neue oder variierte Lebenslaufentwürfe … zu erschließen. Die Ratsuchenden nehmen einen scheinbar verlorenen `Lebensfaden‘ neu auf und sind dadurch in der Lage, ihre Ausgangsituation wieder zu benennen. Weiterbildungsinteressen können sich verankern und durch Informationen zu einer bestimmten Weiterbildungsentscheidung führen. Risiken der biographieorientierten Beratung bestehen in der Grenzziehung zur Therapie, in nicht erkenntnisfähigen Selbstauslegungen des Ratsuchenden, aber auch in interpretativen Übergriffen des Beraters“ (ebda, S. 48).

Quelle: nach Gieseke, Opelt 2004, S. 37 ff.

Diese Systematisierung ist am Interaktionsprozess orientiert und aus der empirischen Untersuchung von Weiterbildungsberatungsprozessen gewonnen. Sie eröffnet eine wegweisende Perspektive auf das Bildungsberatungsgeschehen, findet in vielen Bildungsberatungsstellen Anwendung und ermöglicht eine grobe Unterscheidung der Beratungsprozesse. Für ein Modell der kommunalen Bildungsberatung ist der Ansatz von Gieseke allerdings noch nicht differenziert genug, weil er zu sehr an der personenzentrierten Beratung ausgerichtet ist..

Das Modell von Schiersmann

Ein weiterer Versuch kommt von Schiersmann, die sich auf eine empirische Studie auf Basis von etwa 1400 Fragebögen beruft. Sie unterscheidet verschiedene Aufgabenbereiche der Bildungsberatung und differenziert zwischen personenbezogener und organisations-bezogener Beratung.

Quelle: Schiersmann 2007, S. 237

Anders als Gieseke fokussiert Schiersmann auf eine Unterscheidung verschiedener Aufgabenbereiche, die in der Praxis vorzufinden sind, ohne den Interaktionsprozess näher zu thematisieren. Dieser Blick auf Bildungsberatung öffnet die Unterscheidung zwischen personenbezogener Beratung und Organisationsberatung, die sich auch im Dessau-Roßlauer Modell der kommunalen Bildungsberatung abbildet. Problematisch in Bezug auf ein Modell der kommunalen Bildungsberatung ist hier die dem Forschungsrahmen geschuldete Reduktion auf die Praxis der Beratung, die – ausgehend von personenbezogener Einzelberatung – in einem fortlaufenden Differenzierungsprozess steht. Insofern ist Schiersmanns Beitrag von der Vergangenheit her gedacht durchaus schlüssig, von der Zukunft her gedacht lässt er Spielraum für Ergänzung offen.

Das integrative Modell von Arnold

Das differenzierteste Modell wurde 2008 von Arnold entworfen:

Quelle: Arnold 2008, S. 27

Damit hat Arnold ein integratives Modell entwickelt, in dem vier Felder von Beratung unterschieden werden können, die über die Komponente der Orientierungsberatung verknüpft sind (vgl. auch im Folgenden Arnold 2008, S. 26ff. und Arnold/Mai 2009, S. 218ff.):

Das integrative Modell nach Arnold

Bildungsberatung als Informationsberatung

Informationsberatung bezeichnet den Prozess, in welchem einem Klienten die richtige Antwort auf konkrete Fragestellungen über Weiterbildungs- und Entwicklungswege zugänglich gemacht wird. Voraussetzungen gelungener Informationsberatung sind ein klarer Auftrag, hohe Sachkompetenz des Beratenden, Verfügbarkeit und Nutzung von Datenbanken sowie regionales Networking.

Bildungsberatung als Lernberatung

Lernberatung bezeichnet den Prozess, in welchem schwerpunktmäßig Lernressourcen von Individuen … durch maßgeschneiderte, anlassbezogene Angebote gestärkt werden. Voraussetzung gelungener Lernberatung sind ein geklärter Auftrag sowie diagnostische und lernmethodische Kompetenz des Beraters.

Bildungsberatung als Kompetenzentwicklungsberatung

Kompetenzentwicklungsberatung bezeichnet den Prozess, in welchem Individuen (aber auch Organisationen) ihre vorhandenen Kompetenzen erkennen, eine konkrete Vorstellung zu deren Weiterentwicklung, Aktualisierung und Ergänzung entwickeln und Hilfestellungen erhalten, um die Verantwortlichkeit für die eigene Kompetenzentwicklung zu übernehmen. Voraussetzung gelungener Kompetenzentwicklungsberatung sind Profilierung des (anfangs oft diffusen) Auftrags, Bereitstellung und Nutzung von Kompetenzanalyse- oder Profilinginstrumenten (zur Anerkennung informeller und formeller Kompetenzen) sowie Wissen um geeignete Weiterbildungsangebote und Selbstlernmöglichkeiten.

Bildungsberatung als Laufbahnberatung:

Laufbahnberatung bezeichnet den Prozess, in welchem die Gestaltung des beruflichen Weges eines Individuums unter Berücksichtigung seiner bisherigen Tätigkeiten, aktuellen Kompetenzen sowie der Bildungsbiografie thematisiert wird, wobei stets Bildungsmöglichkeiten (Ausbildung, Umschulung, Fortbildung) abgewogen werden. Voraussetzungen gelungener Laufbahnberatungen sind Profilierung des Auftrags und diagnostische Kompetenz des Beratenden. Hinzu kommt Wissen in den Bereichen Arbeitsmarkt und Stellenprofile, wobei angesichts  der zunehmenden Brüchigkeit von Lebensläufen auch Alternativen zur abhängigen Arbeit (Ehrenamt, Gemeinwesenarbeit, Sabbaticals, Existenzgründung) diskutiert werden sollten.

Bildungsberatung als Orientierungsberatung:

Ihr Ziel ist es, die Beratungsleistung zugänglich zu machen, den Auftrag zu klären, und eine tragfähige Beziehung mit dem Beratenden zu etablieren. Sie stellt die erste Stufe jeder Bildungsberatung dar und wendet sich an Menschen, deren Bildungsanliegen noch eher diffus ist. … Die Orientierungsberatung kann länger oder kürzer dauern. Sie kann zur gezielten Weiterführung in einem der Segmente Informations-, Kompetenz, Lern- oder Laufbahnberatung führen. Wird diese sensible und sensibilisierende Phase ausgeklammert, besteht die Gefahr, dass man dem subjektiven Anliegen nicht gerecht wird und beispielsweise eine Kompetenzentwicklung rät, wo es in Wahrheit um eine tiefere biografische Weichenstellung geht, die über das Anliegen einer Bildungsberatung weit hinausweist. Voraussetzungen gelungener Orientierungsberatungen sind: Profilierung des Auftrags und diagnostische Kompetenz des Beratenden (ebda, S. 29).

Das Modell von Arnold (2008, S. 28f.)  versucht, die Inhalts- und die Prozessperspektive zu integrieren. Damit zeichnet es das zurzeit wohl umfassendste Bild von Bildungsberatung. Es beschreibt die Aufgabengebiete der Bildungsberatung und ihre gesellschaftliche Verortung und rückt die Orientierungsberatung an die zentrale Stelle.

Das Modell beschreibt Bildungsberatung mit Blick auf den Beratungskunden und dessen Bedarf. Diese Reduktion ist für ein Modell der kommunalen Bildungsberatung allerdings nur bedingt hilfreich. Bildungsberatung im Sinne des integrativen Modells geht von einem Kunden aus, der Maß aller Bestrebungen der BeraterIn ist, und einer Umwelt, aus der die Beratung ein Optimum für den Einzelnen herausholt. Die Kommune ist hier im besten Fall Ressourcengeberin und im schlechtesten austauschbar und für die Beratung nur bedingt relevant. Wenn aber, wie ich weiter unten beschreiben werde, kommunale Bildungsberatung an dieser Stelle einen Paradigmenwechsel vollzieht, in dem die Kommune in den Kern der Aufmerksamkeit rückt, mit ihrer „Biografie“, ihren Kompetenzen, ihren Ressourcen aber auch mit ihren Grenzen der Möglichkeiten und ihren Handlungsproblematiken, dann wird sie zum Kunden der Bildungsberatung und der Einzelne erfährt eine Neuinterpretation vom Kunden im Sinne des integrativen Modells zum Bürger im Sinne des Modells der kommunalen Bildungsberatung. Die genannten Felder von Arnold finden sich im unten stehenden Modell weitgehend wieder.

Grundtypen der Bildungsberatung nach Arnold

An anderer Stelle (vgl. auch um Folgenden Arnold 2009, S. 183ff.) versucht Arnold mit Blick auf den Beratungsprozess, Grundtypen von Bildungsberatung zu beschreiben. Er unterscheidet dabei auf empirischer Basis[2] folgende Typen:

Tab. 6: Grundtypen der Bildungsberatung

  • Die Maklerin:
    Sie versteht ihr Beratungshandeln – dem umgangssprachlichen Verständnis von „Makler“ entsprechend – als das Schaffen von Gelegenheiten zum Abschluss von Verträgen. Das Beratungsverständnis lebt von der Korrespondenz zweier Interessenslagen: einer möglichst konkreten Nachfrage einerseits und der Bereitstellung eines passenden Angebots andererseits.
  • Die Netzwerkerin:
    Dieser Typus von Bildungsberatung versteht die eigene Funktion im Kontext der insgesamt gegebenen Unterstützungsmöglichkeiten für die Fragen und Suchbewegungen des Subjekts. Sie versteht sich als „Knotenpunkt“ für Ratsuchende.
  • Die Rogerianerin:
    In den Gesprächen mit Bildungsberatern wird häufig deutlich, dass diese ihre Tätigkeit als Unterstützung und Begleitung der Subjektentwicklung ihres Gegenübers verstehen. Im Vordergrund steht der einzelne Ratsuchende, auf dessen ganzheitliche Lebenssituation die Bildungsberatung Bezug nehmen muss.

Quelle: nach Arnold 2009, S. 183ff.

Arnold spricht in der Einleitung der Typisierung von einer Verlegenheitslogik der Berater.

„In Ermangelung tragfähiger Leitkonzepte, die das Diffuse der Beratungssituation wirksam mit einer professionellen Reflexivität zu verbinden vermögen, entstehen quasi selbst gefertigte Grundorientierungen, die mehr mit der Biographie, der Vorbildung und dem Grundverständnis der Beraterinnen und Berater selbst zu tun haben, als mit der de-facto-Situativität der Bildungsberatung“ (ebda, S. 183).

Er greift mit dieser Typisierung ein Kernproblem der Bildungsberatung auf und weist darauf hin, dass diese subjektiven Konzepte das Berufshandeln grundlegend prägen.

Für das Selbstverständnis zahlreicher Bildungsberater ist eines typisch: Das Diffuse prägt den professionellen Zugang (vgl. ebda, S. 185). Zeuner (2009, S. 37) weist darauf hin, „dass in Deutschland eine Theorie für die Weiterbildungsberatung fehlt, die einer differenzierten Begründung der eingesetzten Beratungskonzepte dienen könnte“.

Diese Diffusität und Orientierung der Beratungspraxis an der Person der Beraterin ist vordergründig für ein Modell der kommunalen Bildungsberatung nebensächlich. Sie wird aber wesentlich, wenn es um die Erstellung eines Leistungsspektrums und den Qualifizierungsbedarf der MiterbeiterInnen geht. In der Ausblendung dieser Problematik liegt ein potenzieller Grund, warum die Übersetzung des Modells in die Praxis scheitern kann. Doch auch dazu weiter unten mehr.

Bevor ich mich dem kommunalen Aspekt der Bildungsberatung in Dessau-Roßlau zuwende, möchte ich noch auf die Komplexität des Beratungsprozesses eingehen:

Das Strukturmodell für personenbezogene Bildungsberatung

Das Problem in der Beschreibung des Beratungsprozesses liegt in der Gefahr der Vereinfachung. Der Beratungsprozess kann über Schemata beschrieben werden, indem z.B. eine Einführungsphase (Begrüßung und Situationsklärung), eine Bearbeitungsphase (Auftragsklärung und Informationsaustausch), eine Entwicklungsphase (Zusammenfassung der relevanten Informationen und möglichen Lösungen, Abgleich mit den Erwartungen des Kunden) und eine Reflexionsphase (Feedback und Verabschiedung) benannt werden (vgl. Karnath/Schröder 2009, S. 137ff.). Modelle wie dieses nutzen aber nur eingeschränkt, wenn die Komplexität der Beratung verstanden werden soll[3]. Dieses Problem sieht auch Kossack (2009, S. 49):

„Mit der Entwicklung von Phasenschemata wird unterstellt, das sich das prinzipiell nicht standardisierbare Interaktionsgeschehen `Bildungsberatung´ standardisieren ließe. … Wenn dem so wäre, dann bedürfte es des Hinweises nicht, dass das Schema nicht schematisch gebraucht werden soll. … In der Tat wird hier davon ausgegangen, dass solche Schemata den empirisch rekonstruierbaren Gesprächsverlauf nicht angemessen beschreiben und daher auch kein angemessenes Bild von Bildungsberatung entwickeln können. Sie können dies nicht, weil Kommunikation und Interaktion keine linearen Gestaltungsprozesse sind, sondern vielmehr Prozesse, die sich durch Brüche und Überschneidungen auszeichnen“.

Kossack beschreibt Bildungsberatung als dreidimensionales Handeln und weist auf eine grundlegende Unterscheidung zu anderen Beratungsangeboten hin: „Diese besteht darin, dass die Beratung nicht einfach darauf zielt, den Ratsuchenden mit einer Information zu versorgen, sondern den Beratungsprozess so transparent werden zu lassen, dass die Ratsuchenden die beiden Prozessebenen (materiale Ebene, formale Ebene) realisieren und deren Zusammenhang reflexiv einholen können“ (Kossack 2009, S. 156). Er unterscheidet vier Faktoren, die konstitutiv für sein Modell von Bildungsberatung sind (vgl. ebda, S.157):

  • Prozessqualität: Pädagogisch
  • Prozessebenen: Material, Formal
  • Prozessdimensionen: Analyse, Konstruktion, Antizipation
  • Prozessfunktionen: Orientierung, Klärung, Entwicklung und Ausblick

Die folgende Grafik macht deutlich, wie komplex der Beratungsprozess in der Bildungsberatung ist und wie sehr er sich der Reduktion auf einfache Phasenschemata widersetzt, wenngleich sich Bildungsberatung im Bewusstsein der Komplexität über die Definition des Beratungsrahmens einer höchstmöglichen Beratungsqualität verpflichten kann:

Das Strukturmodell für personenbezogene Beratung:

Quelle: Kossack 2009, S. 152

Auch dieser Punkt scheint vordergründig vernachlässigbar, wenn es um die Erstellung eines Modells geht. Und auch hier erachte ich es als wesentlich, die Konsequenzen dieser Einsicht durchgängig ernst zu nehmen, weil in ihrer Missachtung potenzielles Scheitern für die Übersetzung des Modells in die Wirklichkeit zu Grunde gelegt ist. Wenn die Beratungspraxis mindestens so komplex ist wie in Kossacks Modell beschrieben – und Kossack benennt sein Modell klar als unterkomplex – dann endet mit dieser Einsicht konsequenterweise jeder ernsthafte Versuch, Bildungsberatung  curricular in Phasenmodellen zu planen. Vielmehr muss Bildungsberatung über die Qualifizierung der Berater und die klare Definition des Beratungsrahmens Selbstverpflichtungen eingehen, um hohe Beratungsqualität zu gewährleisten. Dies hat auch Einfluss auf die Evaluation von Bildungsberatung und verlangt, alle Evaluationsinstrumente auf ihre tatsächlichen Möglichkeiten hin zu überprüfen.

Überblick über die bestehenden Modelle:

Aus der Zusammenfassung der bestehenden Modelle lassen sich einige wesentlichen Punkte ableiten:

  • Eine Bildungsberatungstheorie, auf deren Basis sich ein kommunales Modell von Bildungsberatung ableiten ließe, existiert in Deutschland nicht bzw. nur in Fragmenten.
  • Bildungsberatung hat in Abgrenzung zu anderen Beratungsangeboten immer eine reflexive Dimension, die der/dem Ratsuchenden Einblick in die zu Gebote stehenden Möglichkeiten eröffnet.
  • Die Beratungspraxis ist in hohem Maße abhängig von der Person der/des Beratenden und der Umwelt, eine Reduktion auf die/den Ratsuchenden und deren/dessen Beratungsanliegen scheint verkürzt.
  • Die neueren Modelle bringen den Aspekt der Drei – oder Mehrdimensionalität in das Blickfeld.
  • Der Beratungsprozess widersetzt sich auf Grund hoher Komplexität einer curricularen Planung und einer direkten Evaluation, was die Prüfung einer indirekten Evaluation über den Rahmen sinnvoll erscheinen lässt.

Das Modell der kommunalen Bildungsberatung in Dessau-Roßlau

Wie bereits angekündigt verlangt das DR-Modell der kommunalen Bildungsberatung die Bereitschaft zum Paradigmenwechsel. Dabei werden Gewohnheiten gebrochen, die die aktuelle Beratungspraxis in vielen Kontexten bestimmen. Ich hoffe, das Modell soweit verständlich zu machen, dass die nötigen Paradigmenwechsel schlüssig werden und das Modell in seiner Ganzheit nachvollziehbar wird.

Die Kommune als Beratungskunde

Versteht man die Kommune in ihrer Gestalt als Beratungskunden, kann man viele der Erkenntnisse der personenbezogenen Bildungsberatung übersetzen. Wenn man sich am eingangs beschriebenen Modell von Gieseke orientiert, kann man in Bezug auf die Kommune folgendes ableiten:

  • Informative Beratung: Ein Mangel an aktueller und gesicherter Information kann einer Kommune gravierende Nachteile bringen, sei es im Bereich des Wissens um nationale und internationale Förderprogramme, um Netzwerke, um Gesetzesnovellen oder um aktuelle fachliche Entwicklungen. Jeder Informationsrückstand wirkt sich grundsätzlich, aber auch in der Konkurrenz zu anderen Kommunen negativ aus, weil überregional vorhandene Ressourcen nicht oder nicht im vollen Rahmen der Möglichkeiten an die Kommune gebunden werden können. Dies hat direkte und indirekte Auswirkungen auf die Prosperität, weil nicht abgerufene Ressourcen nicht in Arbeitsplätze oder kommunale Entwicklungsprozesse investiert werden können. Bildungsberatung kann Wissen von außen in die Kommune einbringen, aber auch vorhandenes Wissen innerhalb der Kommune für unterschiedliche Protagonisten zugänglich machen.
  • Situative Beratung: Kommunen im Umbruch stehen permanent vor dem Problem, dass Herausforderungen zu bewältigen sind, für die es keine eindeutigen Lösungen gibt. Bildungsberatung kann auf vielen Ebenen als Prozessbegleiter die Lösungsfindung begünstigen, indem sie unterstützt, Möglichkeitsräume zu eröffnen, potenzielle Lösungen abzuwiegen und die Entscheidungsfindung durch aktuelles und gesichertes Wissen zu befördern. Dabei ist bedeutsam, dass die Bildungsberatung anders als die lokalen Akteure keine eigenen Interessen verfolgen muss und eine moderierende Haltung einnehmen kann.
  • Biografieorientierte Beratung: Auch die Kommune bzw. ihre Institutionen haben Biografien, die die Entwicklung beeinflussen und die von innen her schwer zugänglich sind. Bildungsberatung kann hier einen Beitrag zum „Reframing“ leisten, indem sie Räume schafft, in denen geschichtliche Zusammenhänge sichtbar und damit neu bewertbar werden. Durch den Blick in die Geschichte können Institutionen und Bürger der Stadt ihre „Geschichten“ erzählen, reflektieren und möglicherweise in einen anderen Kontext einbinden. Durch einen bewussten Umgang mit der Vergangenheit können aus alten, möglicherweise überlebten Gewohnheiten Ressourcen werden, aus denen man neue, zukunftsorientierte Perspektiven entwirft. Geschichte kann nicht verändert, wohl aber neu bewertet werden.

Kommunen entwickeln sich wie Individuen innerhalb ihrer Grenzen und können ihren Bürgern und Institutionen nur innerhalb dieser Grenzen reale und nachhaltige Entwicklungsperspektiven geben. Diese Grenzen sind nicht starr, aber auch nicht beliebig verschiebbar. Wozu eine Ausweitung über die realen Grenzen hinaus führt, sieht man exemplarisch an der aktuellen Haushaltslage. Auf Neuverschuldung basierende Haushalte über viele Jahre haben eine künstliche Erweiterung der Grenzen ermöglicht, die nun mit dem Verlust weiter Teile der Handlungsfähigkeit der Kommunen bezahlt wird.

Aber auch und vor allem Bildung und Wissen sind Faktoren, die den Möglichkeitsspielraum einer Kommune essenziell bestimmen und mittelbar auch den Haushalt der Stadt massiv beeinflussen. Ich führe hier einige der grundlegenden Probleme an, die Städte wie Dessau-Roßlau in ihren Grundfesten erschüttern, um ein Verständnis der realen Grenzen zu befördern.

Der kommunale Rahmen:

Die schrumpfenden Städte heutiger Zeit stehen vor enormen Herausforderungen. Ich erwähne nur exemplarisch einige Schwerpunkte:

  • Knappe Kassen und damit kaum Spielraum zur aktiven Gestaltung durch Förderung von Initiativen im sozialen Raum.
  • Verkleinerung nach außen: Die Abwanderung vieler, die als gestaltende Kräfte in der Stadt gebraucht würden, während die Zahl der verbleibenden unterstützungs-bedürftigen BürgerInnen annähernd stabil bleibt bzw. prozentual wächst.
  • Verkleinerung nach innen: Die Folgen des Geburtenrückgangs finden sich nicht nur in der wachsenden Überalterung wieder, sondern auch im betrieblichen und bürger-schaftlichen Bereich.
  • Die Verwahrlosung sozialen Raums: Abwanderung bedingt Brachen. Diesem Problem stellt sich zwar der Stadtumbau, aber auch nur auf der Grundlage vor-handener knapper Ressourcen.

Ich habe mich auf diese vier Punkte beschränkt, weil aus ihnen ein Kreislauf ersichtlich wird: Knappe Kassen bedingen Schrumpfung und Schrumpfung bedingt knappe Kassen. Dies ist der reale und brutale Hintergrund, vor dem viele Kommunen stehen und vor dem auch jede Initiative im Bildungsbereich steht.

In dieser Kultur der Schrumpfung greifen klassische Initiativen meist zu kurz, weil sie sich aus der Logik einer Kultur des Wachstums speisen. Die Förderung neuer Initiativen, die Installierung von (Bildungs-)Beratungsstellen, die Entwicklung und Installierung von neuen Bildungsangeboten – all dies setzt wachsende Ressourcen voraus. Die Herausforderungen einer schrumpfenden Stadt aber sind andere.

Lernen vor Ort bringt seine Ressourcen in genau diese Problemlage ein. Es ist offensichtlich, dass sich das Projekt nur nachhaltig entwickeln kann, wenn die Einsparungen im kommunalen Bereich, die durch das Projekt bedingt sind, die direkten Förderungen zumindest aufwiegen. Dabei ist klar, dass die Kommune nicht in der Lage ist, die Kosten ohne die Unterstützung von Bund, Land, Stiftungen und anderen Förderern zu tragen (vgl.: Eckpunkte für ein zeitgemäßes und zukunftsfähiges Beratungsangebot in Deutschland, nfb). Es dient niemandem, wenn Bildungsberatungsstellen installiert werden, die nach Projektende nicht weiter gefördert werden können, weil dafür einfach kein Geld vorhanden ist. Bildungsberatung, die sich den Problemen schrumpfender Städte stellt, muss einen Paradigmenwechsel vollziehen, wenn sie glaubwürdig von Nachhaltigkeit spricht; denn ohne Bildungsberatung wachsen die Kosten des Bildungswesens ins Unermessliche.

Dieser Paradigmenwechsel verlangt auch, die erfolgreichen Konzepte aus wachsenden Städten und Metropolen gegen den Strich zu bürsten. Es reicht nicht, ein zusätzliches Angebot in eine bestehende Kultur einzuführen, nicht einmal, wenn offensichtlich ist, dass das Angebot sich positiv auf die Entwicklung der Kommune auswirkt, da die zusätzliche Förderung auf Kosten anderer, meist ebenfalls fruchtbarer Projekte und Initiativen geht. Der Paradigmenwechsel geht in Richtung einer effizienten Nutzung aller bestehenden Ressourcen, Bildungsberatung kann sich nur etablieren, wenn sie mit zusätzlichen Kosten sehr ökonomisch umgeht und nachweislich bestehende Ressourcen so kultiviert, dass für die Kommune ein klar ersichtlicher Mehrwert entsteht.

Die Konsequenz daraus ist der weitgehende Abschied von dem Gedanken, dass Bildungsberatung nur von außen Ressourcen in das System einbringt, um das System zu fördern. Das klassische Aufgabengebiet, die Beratung zu beruflicher Weiterbildung und deren Förderung, bleibt zwar bestehen, der Schwerpunkt der Beratung muss aber in der umfassenden Erreichbarkeit aller bestehenden Ressourcen für alle gesellschaftlichen Akteure liegen. Die Aufgabe der Bildungsberatung geht also von der Beratung Einzelner hinaus in die Schaffung von Räumen und Gelegenheiten, in denen sich die BürgerInnen und Institutionen der Stadt beraten, welche Ressourcen noch vorhanden sind und wie sie möglichst effektiv genutzt werden können.

Bildungsberatung stellt also nicht nur einen Leuchtturm in der Bildungslandschaft dar, von dem aus die BürgerInnen einen guten Überblick über die bestehenden Angebote erhalten, sondern ist aufgefordert, zusätzlich zu diesem Angebot analog zur Logik des Stadtrückbaus aktiv Bildungsinfrastruktur zu gestalten. Bildungsberatung als Instrument des Bildungsmanagements muss auch den Leuchtturm verlassen und in die Räume gehen, vor Ort aktiv werden und sich in Brennpunkten als Beratungsexperte einbringen, wobei es nicht um das klassische „der Berater/die Beraterin gibt einen Rat“ geht, sondern um ein „der Berater/die Beraterin moderiert einen Prozess, in dem sich die Protagonisten beraten“.

Bildungsberatung als Baumeister einer zeitgemäßen Bildungsinfrastruktur ist aufgefordert, in den Dimensionen des sozialen Raumes zu agieren, um der Diversität der Aufgabe gerecht zu werden. Dabei sind folgende Dimensionen zu kultivieren:

Die Achse Bürgerberatung vs Institutionenberatung

Bürgerberatung folgt in ihrer Systemlogik den Regeln der personenbezogenen Bildungsberatung. Bildungsberatung agiert als Katalysator im Übergang von der bestehenden Situation der Person zu einer für sie/ihn möglichst optimalen Situation, sie ist am individuellen Wohl der Person orientiert.

Institutionenberatung folgt den Regeln der organisationsbezogenen Beratung nach Schiersmann. Institutionen sind auf verschiedenen Ebenen zu denken: Kitas und Schulen, Betriebe, Ämter, Projekte, Vereine, Bildungsträger und die Kommune selbst seien hier exemplarisch genannt. Bildungsberatung begleitet auch hier aus der aktuellen Situation in eine für die Institution möglichst optimale Situation, allerdings immer unter Maßgabe der kommunalen Entwicklungsräume. Sie ist am Gemeinwohl orientiert.

Die Achse Einzelberatung vs Gruppenberatung

Diese Unterscheidung bedarf einer Erklärung: Einzelberatung ist die Beratung eines Protagonisten und kann auf institutioneller Ebene auch eine Beratung mit mehreren Personen bedeuten, wenn diese z.B. alle Teil einer Institution sind. Gruppenberatung bezieht sich auf die Beratung mehrerer Akteure, also mehrerer Einzelpersonen oder mehrerer Institutionen gleichzeitig.

Die Achse formal orientierte Beratung vs informell[4] orientierte Beratung

Es ist offensichtlich, dass der Zusammenhalt einer Kommune nicht nur aus formal orientierter Bildung besteht, sondern dass informelle Bildung ebenso wichtig ist. Die Kommune hat ein existenzielles Interesse an der Kultivierung informell erworbenen Wissens, weshalb die Unterscheidung hier Bewusstsein in beide Bereiche lenken soll.

Aus diesen drei Achsen entsteht ein dreidimensionales Bild:

Die drei Dimensionen des Dessau-Roßlauer Modells der kommunalen Bildungsberatung:


Aus diesen Achsen ergeben sich acht Felder, in denen Bildungsberatung Angebote gestaltet:

Feld 1:

Formal orientierte Einzelberatung für BürgerInnen

Dies ist ein klassischer Bereich der Bildungsberatung: BürgerInnen erhalten in persönlicher Einzelberatung Informationen, wie sie über formale Bildungsangebote ihre Bildungs- und Berufsbiografie gestalten können und welche Förderungen dafür greifen; oder über formale Bewerbungsregeln.

Hier bieten wir Beratung in den B-Punkten und vor Ort, z.B. in der Bibliothek und über Telefon oder Internet.

Feld 2:

Informell orientierte Einzelberatung für BürgerInnen

Ebenfalls ein Klassiker, hier geht es um informelle Kompetenzen und Fähigkeiten. Dabei geht es unter anderem um ressourcenorientierte oder systemische Beratung, die sich dem biografischen Hintergrund der Ratsuchenden annimmt. Auch kreatives Bewerbungstraining abseits der formalen Belange wäre zu erwähnen.

Hier bieten wir biografieorientierte Beratung im diskreten Rahmen in den B-Punkten an.

Feld 3:

Formal orientierte Gruppenberatung für BürgerInnen:

In Kontexten, in denen mehrere Personen Interesse an ähnlichen formalen Fragen haben, lohnt sich Gruppenberatung. Als Beispiel seien hier MAE-Gruppen erwähnt, die das gemeinsame Anliegen mitbringen, wie sich das Leben nach der MAE-Maßnahme gestalten lässt. Informationen über formale Möglichkeiten in Gruppen bedingen eine Horizonterweiterung, da der Fokus auch auf andere gerichtet ist und durch die Übersetzung der Möglichkeiten anderer in die eigene Situation das Verständnis der eigenen Perspektiven meist geweitet wird. Daneben fördert man die Bildung von Netzwerken und Seilschaften von Menschen in vergleichbarer Lage. Oft führt eine formale Gruppenberatung auch zu einer Nachfrage nach Einzelberatung.

Hier bieten wir Angebote innerhalb und außerhalb der B-Punkte für BürgerInnen und Instititionen, die das Interesse der von ihnen betreuten BürgerInnen erkennen und uns anfragen. Daneben gibt es ein Angebot im web 2.0, in dem die BürgerInnen virtuell und zeitlich versetzt die Möglichkeit haben, im Sinne von FAQ´s an den Erfahrungen anderer zu partizipieren.

Feld 4:

Informell orientierte Gruppenberatung für BürgerInnen:

Die Arbeit an der eigenen Biografie ist auch in Gruppen lohnend. Durch den Zugang zu den Copingstrategien der anderen kann sich der eigene Handlungsspielraum erweitern und auch hier ist eine erwünschte Nebenwirkung die Bildung von Netzwerken und Seilschaften.

Hier bieten wir unter anderem die Arbeit in Gruppen mit dem ProfilPASS in unterschiedlichen Kontexten und die Moderation in Selbsthilfeinitiativen an.

Feld 5:

Formal orientierte Einzelberatung für Institutionen:

Institutionen verfügen oft nicht über die Ressourcen, sich ein umfassendes Bild über Fördermöglichkeiten, aktuelle Entwicklungen oder Netzwerke zu machen. Die Beratung besteht in der Akquise der fehlenden Informationen oder der zuständigen Stellen.

Hier bieten wir ein mobiles Angebot für Institutionen (KMU´s, Schulen, Bildungsträger, Projekte, Verbände, Vereine, …), in dem die spezifischen Fragen passgenau bearbeitet werden. Ein zusätzliches Angebot ist eine Plattform im Netz, die Netzwerke transparent macht, eine abgestimmte Terminplanung ermöglicht und FAQ´s (anonym) sammelt.

Feld 6:

Informell orientierte Einzelberatung für Institutionen:

Auch Institutionen haben biografieorientierte Anlässe für Beratung. Ich verweise auf die Problematik des demografischen Wandels oder die zunehmende Bedeutung der Kompetenzorientierung in der Personalentwicklung von Unternehmen.

Hier bieten wir die Moderation von selbstreflexiven Prozessen in Institutionen an. Diese können themenbezogen (Förderung der älter werdenden MitarbeiterInnen) oder offen (problembezogene Einzel- und Gruppenberatung) sein.

Feld 7:

Formal orientierte Gruppenberatung von Institutionen:

Analog zu Feld 3 lohnt es sich in bestimmten Fällen auch für Institutionen, gemeinsam formale Fragen zu erörtern. Ein Beispiel hierfür wäre der Erlass eines neuen Gesetzes oder einer neuen Regelung wie die zur Kurzarbeit oder die Veränderungen bezüglich der Bildungsprämie.

Hier bieten wir themenbezogene Informationsveranstaltungen unter Einbeziehung des web 2.0 an.

Feld 8:

Informell orientierte Gruppenberatung von Institutionen:

Speziell in Übergangsbereichen (aber auch außerhalb derer) trifft die Bürgerschaft auf verschiedene Institutionen, die selbst nur bedingt Einblick in die Abläufe der anderen haben. Ich erwähne hier exemplarisch den Übergang Kita-Schule, bei dem Kita, Schule, organisierte Elternschaft, aber auch Stadtentwicklung und Jugendamt oft zu wenig von den Not-wendigkeiten des jeweiligen anderen wissen. Durch eine Gruppenberatung, in der die unterschiedlichen Protagonisten ins Gespräch gebracht werden und sich beraten können, können Übergänge für alle Beteiligten besser gestaltet werden.

Hier bieten wir Gruppenberatungen an, in denen sich die Institutionen über eine Optimierung ihrer ureigenen Anliegen beraten können (dies sowohl auf Nachfrage wie auch über eigene Initiative im Rahmen des Übergangsmanagements z.B. in Fachtagungen).

Der Inhalt

Generell gilt, dass in allen Bereichen der/die Ratsuchende den Souverän darstellt, dass Beratung also eine moderierende und nicht koordinierende Rolle einnimmt. Selbst in formalen Beratungen geben wir keine Lösungen vor, sondern folgen dem Bedarf der Ratsuchenden. Das Konzept ist auch entwicklungsoffen und stellt den aktuellen Stand der Dinge dar. Es können also durchaus Angebote wegfallen oder entstehen, wenn ein Bedarf erkannt wird. Wichtig ist auch, dass grundsätzlich immer geprüft wird, ob Angebote neben der analogen Form auch über Telefon oder web 2.0 sinnvoll – und möglicherweise effektiver – sind und ob ein Angebot stationär in den B-Punkten und/oder mobil besser aufgestellt ist.

Inhaltlich ist die Dessau-Roßlauer Bildungsberatung neben dem State-Of-The-Art der Bildungsberatung auch und vor allem den inhaltlichen Herausforderungen verpflichtet, die in der kommunalen Bildungskonferenz festgelegt werden und die in den kommunalen Bildungsprozessen zu Tage treten.

Der Prozess

Durch Angebote in allen acht Feldern kann Bildungsberatung in allen Bereichen der Bildungslandschaft als Katalysator für Vernetzung und (Neu-)Strukturierung wirken und die Kommunikation horizontal und vertikal verdichten. Dadurch begünstigt sie das Entstehen einer bedarfsnahen Bildungsinfrastruktur. Ein weiterer Effekt ist eine hohe Flexibilität. Bildungsberatung kann Probleme da aufgreifen, wo sie entstehen und/oder wo sie auftreten, und zwar sehr zeitnah. Und sie hat kaum Leerläufe, weil die Ressourcen aus einem Feld in ein anderes Feld umgeleitet werden können, in dem der Bedarf höher ist.

Bildungsberatung stellt sich Beratungsprozessen immer neu aus einer Haltung größtmöglicher eigener Absichtslosigkeit, weil die realen Handlungsproblematiken der Ratsuchenden im Vordergrund stehen. Sie versteht sich als ExpertIn für den Beratungsprozess, legt höchsten Wert auf die Validität inhaltlicher Inputs, belässt aber die Verantwortung für die Beratungsergebnisse bei denen, die diese in ihr Handlungsspektrum aufnehmen; bei den Ratsuchenden selbst.

Spezialisierung der Beratungsstellen

Alle B-Punkte bieten kostenfreie trägerunabhängige Erstberatung für alle BürgerInnen an. Ergibt sich aus der Erstberatung die Notwendigkeit einer vertiefenden Beratung aus unserem Angebotsportfolio, vermitteln wir an die B-Punkte, die diese Angebote vorhalten. Strukturell festgelegt ist der Übergang Kita – Schule in einem B-Punkt, der Übergang Schule – Beruf in zweien, der Wiedereinstieg/Bildungsprämienberatung in einem weiteren und der Bereich Nacherwerb im fünften B-Punkt.

Entwicklung der Beratungsangebote

Neben den genannten Angeboten der B-Punkte entwickeln wir im Blick auf alle Dimensionen der Bildungslandschaft Beratungsangebote in allen Feldern. Der Impuls für die Entwicklung kommt aus dem Aktionsfeld Bildungsberatung, das in Abstimmung mit dem Bildungsmanagement, dem Monitoring, den BildungsberaterInnen und den ÜbergangsmanagerInnen neue Angebote auf den Weg bringt und bestehende prüft. Dadurch können schnell wissenschaftlich fundiert Bedarfe erschlossen und bedient werden.

Die Entwicklung basiert auf den Kompetenzen und Entwicklungsperspektiven der BeraterInnen und der ÜbergangsmanagerInnen, die die Angebote tragen, und entspricht damit der oben erwähnten Einsicht, dass Bildungsberatung in hohem Maße von der Persönlichkeit der BeraterInnen abhängt. Nicht jede/r Berater/in hat jedes Beratungsangebot im Portfolio.

Angebote, die sich über einen längeren Zeitraum bewähren, werden wissenschaftlich ausgewertet und als Transferprodukte zur Verfügung gestellt.

Dezentrale Beratung

In Abgrenzung zum Berliner Modell der mobilen Beratung als aufsuchende personenbezogene Beratung zur Erschließung so genannter Bildungsferner ist das Angebot der Bildungsberatung in Dessau-Roßlau als dezentrales Angebot im Sinne von Netzwerkmanagement zu verstehen. Neben der Beratung von BürgerInnen in den B-Punkten gehen wir mit Bildungsberatung in den sozialen Raum und versuchen, an vielen Schnittstellen präsent zu sein. Dies passiert auch in personenbezogener Einzelberatung und auch in sozialen Brennpunkten, aber vor allem auf institutioneller Ebene. Dabei fokussieren wir Übergänge von Geburt bis hin zum Nacherwerb und gestalten Übergangsmanagementprozesse mit dem methodisch/didaktischen Hintergrund der Bildungsberatung. Alle ÜbergangsmanagerInnen verfügen über das Wissen aus der Qualifizierung „Bildungsberatung und Kompetenzentwicklung“ des RQZ Dessau – Berlin – Brandenburg.

Evaluation

Auf Grund der oben beschriebenen hohen Komplexität verzichten wir auf eine direkte Evaluation der Beratungsqualität durch die Ratsuchenden. Stattdessen evaluieren die BeraterInnen selbst, einmal durch persönliche Reflexion und einmal durch kontinuierliche kollegiale Beratung. Abgesichert wird dies durch eine prozessbegleitende externe Evaluation durch einen Partner aus dem wissenschaftlichen Bereich, der über teilnehmende Beobachtung in realen Beratungen und die Auswertung von Tonbandaufnahmen die tatsächliche Beratungspraxis mit unseren Qualitätskriterien vergleicht und Handlungsempfehlungen ausspricht. Es ist noch offen, ob die externe Evaluation vertiefte BürgerInnenbefragungen als Evaluationsinstrument einsetzt.

Absicherung der Qualität

LvO Dessau-Roßlau durchläuft gerade ein Zertifizierungsverfahren nach LQW, um die Qualität nachhaltig abzusichern. Dabei orientiert sich die Bildungsberatung eng am Werteverständnis des Leitbildes von LvO, das wiederum Bezug nimmt zum Leitbild der Stadt Dessau-Roßlau. Daneben hat sich Lvo Dessau-Roßlau um für die Erprobungsphase des QER beworben.

Die Perspektive

Gehen wir noch mal zurück zur Ausgangslage. Kann Bildungsberatung in dieser Konzeption den genannten Problemen gerecht werden? Ich denke, sie hat zumindest eine reale Chance, weil sie mit den eigenen Ressourcen hocheffizient umgeht. Sie kann im Rückbau der schrumpfenden Stadt gestaltend mitwirken, indem sie durch lokale Konzentration für Verdichtung sorgt, aber auch, indem sie themenbezogen Brücken baut. Sie nutzt bestehende Ressourcen und fördert eine effektive Nutzung derselben. Sie bringt Wissen, Vernetzung und Handlungsfähigkeit in die Kommune, wodurch dem Schrumpfungsprozess Wachstumsimpulse entgegensetzt werden, sei es durch qualifiziertes Personal, durch Projekte, die dank der Vernetzung entstehen, durch den Zufluss von Fördermitteln auf Grund guter Fördermittelberatung, durch eine Erhöhung der Qualität im Bildungsbereich, gefördert durch die Angebote von LvO, was wiederum die Stadt für junge Eltern attraktiver macht, oder durch eine Erhöhung der Effizienz der bestehenden Angebote in Übergangsfeldern. Ob diese Wachstumsimpulse anhand der Wucht der Schrumpfung ausreichen, einen Gegentrend einzuleiten, wird sich zeigen.

Damit ist aber das Problem der leeren Kassen noch nicht gelöst. Dessau-Roßlau bräuchte sehr viel sehr guten Willen, ein Projekt dieser Größe nachhaltig allein zu tragen. Die Bildungsberatung in Dessau-Roßlau kommt also nicht umhin, auch Eigenmittel zu erwirtschaften. Dazu ist zu prüfen, welche Möglichkeiten zur Finanzierung des Projekts herangezogen werden können. Der Überblick über die Felder lässt ahnen, dass einige Bereiche das Potenzial haben, in und perspektivisch auch außerhalb der Region direkt und indirekt Mittel zu akquirieren, die zumindest eine Kofinanzierung in einer sinnvollen Höhe ermöglichen. An dieser Stelle wird der Statusbericht 2011 einen Rückblick mit Detailbeschreibung möglich machen.

Durch gezieltes Bildungsmonitoring wird die Effizienz der entwickelten und zu entwickelnden Beratungsangebote möglichst realistisch abgebildet. Damit kann das Bildungsmanagement in Zusammenarbeit mit der Bildungskonferenz hochwertige und auf den realen kommunalen Bedarf zugeschnittene Werkzeuge einsetzen, die Dessau-Roßlau nach innen und außen attraktiver und zukunftsfähiger machen und in die Region hinein wirken lassen.

Heimo Gerhard
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Kolleg für Management und Gestaltung nachhaltiger Entwicklung gGmbH
Verbundpartner im Projekt Lernen vor Ort Dessau-Roßlau

Dessau-Roßlau, Mai 2009

Literatur

Arnold, R. (2008): Formen der Bildungsberatung. Sprachverwirrung klären. In: Weiterbildung. Zeitschrift für Grundlagen, Praxis und Trends. S. 26 – 29. Ausgabe Oktober/November 2008

Arnold, R. (2009): Bildungsberatung – historische Entwicklung und aktuelle Begriffsbestimmung. In: Arnold, R./Gieseke, W./Zeuner, C (Hrsg.): Bildungsberatung im Dialog. Band 1: Theorie – Empirie – Reflexion. S. 171 – 190. Baltmannsweiler

Arnold, R./ Mai, J. (2009): Bildungsberatung – historische Entwicklung und aktuelle Begriffsbestimmung. In: Arnold, R./Gieseke, W./Zeuner, C (Hrsg.): Bildungsberatung im Dialog. Band 1: Theorie – Empirie – Reflexion. S. 213 – 226. Baltmannsweiler

Gieseke, W./Opelt. K. (2004): Weiterbildungsberatung II. Studienbrief EB 2001, 2. überarb. Aufl. Kaiserslautern: TU, Zentrum für Fernstudien und Universitäre Weiterbildung

Karnath, S./Schröder, F. (2009): Qualitätssicherung und –entwicklung in der Bildungsberatung. In: Arnold, R./Gieseke, W./Zeuner, C (Hrsg.): Bildungsberatung im Dialog. Band 2: 13 Wortmeldungen. S. 123 – 148. Baltmannsweiler

Kossack, P. (2009): Bildungsberatung revisited. In: Arnold, R./Gieseke W./Zeuner, C.: Bildungsberatung im Dialog. Band 1: Theorie – Empirie – Reflexion. S. 45 – 68. Baltannsweiler

Schiersmann, C. (2007): Berufliche Weiterbildung. Lehrbuch. Wiesbaden


[1] Die Systematisierung von Gieseke wurde erstmals 1995 publiziert.

[2] „Der Typisierungsversuch ist entstanden auf der Basis von Leitfadengestützten Interviews mit Beraterinnen und Beratern aus zwölf lernenden Regionen, die im Juni 2007 im Rahmen des BMBF-Projektes `Bildungsberatung im Dialog´ durchgeführt wurden. Dabei stand das Anliegen im Vordergrund, die von diesem Beratungspersonal gelebten professionellen Deutungsmuster interpretativ zu erschließen und in Hinblick auf ihre Anschlussfähigkeit gegenüber Konzepten der Qualitätssicherung zu analysieren“ (Arnold 2009, S. 183).

[3] Das genannte Schema ist so banal, dass damit auch der Einkauf beim Bäcker oder die Ausstellung eines Personalausweises beschrieben werden könnten und trotzdem so starr, dass es der realen Komplexität des Beratungsprozesses nicht ansatzweise genügt.

[4] Selbstverständlich ist informell orientierte Bildungsberatung in diesem Verständnis ein formales Angebot. Der Bezug auf das Informelle liegt im Rahmen der Beratung, der Raum schafft für informelle Prozesse des Austausches der Protagonisten. Die Beratung versteht sich als formaler Katalysator für informelle Prozesse, die ihre Wirksamkeit über die Beratung hinaus entfalten.

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Über Dr. Jutta Franzen (jf)

Wiss. Mitarbeiterin KMGNE (www.kmgne.de), Redaktion Blog Bildungslandschaften
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