Lernkultur 2.0

J.Franzen | Konzeptionelles zu Web 2.0 und Bildungslandschaft

Der Begriff Lernkultur 2.0 will nicht einem modischen Hype folgen, wie er oftmals  mit der Rede von Web 2.0 verbunden oder unterstellt wird. Es geht vielmehr darum, ein Lernverhalten zu bezeichnen, das sich zum einen zur umfassenden, im Alltag und im Lebenslauf verankerten Kultur erweitert hat und zum zweiten nicht losgelöst von aktuellen technologischen Entwicklungen betrachtet werden kann.

Plattform und Bildungslandschaft

Tim O’Reilly, dem die Bezeichnung „Web 2.0“ zugeschrieben wird, hat als eines der signifikanten Merkmale dieser Entwicklung des Internets genannt, dass das Web zur Plattform wird (O’Reilly 2005).

Hatte Ende der 80er Jahre der PC – als Personal Computer- die zuvor nur institutionell in Wissenschaft und Militär nutzbaren Anwendungen auf den lokalen Desktop gebracht, so ermöglicht Web 2.0 die Nutzung von Programmen, das Erstellen, Editieren und Publizieren von Inhalten im Internet selbst. Texte, Bilder, Fotos, Videos und Musik können dort nicht nur rezipiert, sondern aktiv gestaltet und ausgetauscht werden.
Der Arbeitsplatz ist nicht mehr allein der Desktop des persönlichen Rechners, sondern das Web mit einer Vielfalt an Plattformen, die das Teilen, den Austausch und die Kollaboration mit anderen NutzerInnen gestattet. Die Daten sind zudem mobil („on the go“) erreichbar, von jedem internetfähigen Endgerät, wie z.B. auch vom Mobiltelefon.

In Analogie kann Lernkultur 2.0 das Merkmal zugeordnet werden, dass Lernen nicht mehr nur an persönlich oder institutionell begrenzten Lernorten stattfindet, sondern in einer Bildungslandschaft. Sie umfasst eine Vielfalt an Lernorten und formalen wie informellen Lernwegen, die sich durch Austausch und Kommunikation der gesellschaftlichen Akteure und Lernenden als ein Beziehungsgeflecht entwickeln. Knotenpunkte, Übergänge bieten vielfältige Zugänge zu einem Prozess lebenslangen Lernens.

Öffnung, Kollaboration

So wie Web 2.0 für AnwenderInnen und EntwicklerInnen im Internet eine Öffnung hin zu benutzergenerierten und geteilten Inhalten sowie offen gelegten Quellen bezeichnet, so steht Lernkultur 2.0 für einen „participatory turn“ (Trebor Schulz, 2010, s.24), eine Wende der Lernkultur, die die Öffnung hin zu selbstgesteuerten, kollaborativen und vernetzten Lernprozessen vollzieht und hierin technologisch durch die Anwendungen des Web 2.0 unterstützt wird.

Diese Öffnung, die Lernkultur 2.0 wie Web 2.0 kennzeichnet, lässt sich als eine Verschiebung vormals fester Grenzen beschreiben (vgl. Michael Kerres 2006, S. 2ff):

Von der Rezeption zur aktiven Gestaltung von Lernprozessen und Lerninhalten
Angesichts gesellschaftlicher Veränderungen wie Globalisierung, Differenzierung und Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und einer rasch fortschreitenden technologischen Entwicklung kann Lernen nicht mehr allein auf formale, institutionalisierte Prozesse innerhalb abgegrenzter Lebensphasen beschränkt erfolgen. Vielmehr ist vom Einzelnen zunehmend selbst organisiertes, lebenslanges Lernen gefordert.

Dem entspricht, dass Lernen sich nicht in der Aufnahme eines vorgegebenen Wissenskanons erschöpft, sondern sich zunehmend im aktiven Erstellen und Mitgestalten der Lerninhalte und Lernszenarien durch die Lernenden selbst vollzieht. Es gibt keine finale Version dessen, was gelernt sein muss, sondern eine permanente „Beta“- Version, offen für Umgestaltung und Weiterentwicklung. Das geschieht selbst organisiert, informell, „peer-to-peer“, „buttom up“, nurmehr begleitet von Experten beim „Durchwandern“ der Bildungslandschaft.
Kollaboration durch Partizipation, Teilen und Vernetzen des Wissens und der Lernszenarien finden in den Anwendungen des Web 2.0 ihre Werkzeuge und Plattformen.

Vom privaten zum öffentlichen Inhalt, von der Person zum Profil
Privates wird zunehmend öffentlich, indem Vernetzung und Kollaboration auch den sozialen Austausch in den Lernprozessen einschließen.
Private Daten werden zum Profil zusammengestellt, das Kompetenzen und persönliche Interessen öffentlich sichtbar macht für ergebnisorientierte, temporäre „Communities“ des Lernens und der Praxis. Lernresultate und generierte Inhalte verbleiben nicht privat, sondern werden zur öffentlichen Verbreitung und Bewertung frei gegeben. Rechtsformen wie „Creative Commons“ (creativecommons.org) regeln die Rechtmäßigkeit der Verbreitung, Nutzung und Weiterentwicklung kreativer, erstellter und gestalteter Inhalte. Bei Wahrung des Urheberrechts gilt das Prinzip, das je mehr Wissen öffentlich geteilt, bewertet, vernetzt und ausgetauscht wird, um so besser wird seine Qualität und um so mehr profitieren alle Beteiligten.

Web 2.0 Anwendungen wie Blogs und Wiki lassen durch Öffnung vom privaten zum öffentlichen Wissen „the„wisdom of crowds“ (James Suriowecki ) entstehen.

Die Lernformen des E-Learning oder Blended Learning bilden in der Bildungslandschaft der Lernkultur 2.0 wichtige Knotenpunkte und unverzichtbare Lernorte. Denn sie unterstützen die lernerzentrierten Lernarrangements zum einen durch weitgehend zeit- und ortsabhängige Lernzugänge; zum anderen gewähren die multimediale Aufbereitung der Inhalte und ihre modulare Verknüpfung lerntypenspezifische Zugänge, das Wahrnehmen und Entwickeln der eigenen Kompetenzen. Traditionell bietet eine passwortgeschützte Plattform den „virtuellen“ Lernort, der Wissenspeicher mit Material, Lernmodule mit optionalen Lernpfaden  und Foren zum Austausch bereit hält.

In der Lernkultur 2.0 öffnet sich der virtuelle Lernort in dem Maße als sich das Verhalten von Lehrenden wie von Lernenden verändert: Von unten nach oben, „buttom up“ bezeichnet die Orientierung, dass Lerninhalte nicht mehr allein von den Lehrenden verfasst und von oben, „top down“ zum Download bereit gestellt, sondern kollaborativ erarbeitet und über den „Upload“ zum Teilen, Verbreiten sowie zum kritischen Kommentieren geöffnet werden. Web 2.0 Anwendungen wie Wiki, Blog bieten hierfür die geeigneten Medien.

Eine Lernbegleitung durch Experten und die öffentliche, kritische Bewertung von Arbeitsresultaten fordern und fördern die Lernprozesse. Vernetzung von Wissen und Kommunikation sichern Qualität und Aktualität der Lerninhalte.


Dr. Jutta Franzen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Kolleg für Management und Gestaltung nachhaltiger Entwicklung

Literatur

Michael Kerres, 2006, Potenziale von Web 2.0 nutzen, in: Andreas Hohenstein, Karl Wilbers (Hrsg.) Handbuch E-Learning, München, vorläufige Fassung 5.Aug. 2006 online: http://edublog-phr.kaywa.ch/files/web20-a.pdf [28.09.2010]

Tim O’Reilly, What Is Web 2.0? http://oreilly.com/web2/archive/what-is-web-20.html

[28.09.2010] Auch wenn durch O’Reilly die Rede von Web 2.0 populär wurde, so ist der Begriff bereits 1999 von Darcy DiNucci geprägt worden. vgl. Carlos Ruiz, Who coined Web 2.0?: Darcy DiNucci, Cole20, Educación y web 2.0, http://www.cole20.com/who-coined-web-20-darcy-dinucci/ [28.09.2010]

Trebor Scholz, 2010, Infrastructure: Its Transformations and Effect on Digital Activism, S. 17- 32, in: Mary Joyce (ed.) 2010, Digital Activism Decoded | The New Mechanics of Change, N.Y., IDEBATE Press, http://www.cl.cam.ac.uk/~sjm217/papers/digiact10all.pdf [28.09.2010]

James Suriowecki, 2004, The Wisdom of Crowds, NYC, Random House, Inc.
Excerpt: http://www.randomhouse.com/features/wisdomofcrowds/excerpt.html

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Über Dr. Jutta Franzen (jf)

Wiss. Mitarbeiterin KMGNE (www.kmgne.de), Redaktion Blog Bildungslandschaften
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